In Goslar kann man wunderbar leicht lernen, was
das so genannte Mittelalter gewesen ist. Es ist nach
der Antike für unseren Kulturbereich die prägende
und großartigste Epoche, in der das so einzigartige
Abendland heranwuchs.
Wer sich für die Wurzeln der eigenen Kultur interessiert, der findet in der Neuwerkkirche sowohl eine einst ganz junge Architektur als auch eine längst bewährte byzantinische Malerei. Das Mittelalter war also international wie wir heute.
Und wie fühlte man sich darin? Der einfache Landmann gewiss anders als der (inzwischen etwas entwertete) Rittersmann. Und war man damals eher ein Herdentier oder ein Individualist? Vermutlich war das nicht viel anders als bei uns heute.
Ein sehr vitaler Kronzeuge des Hohen Mittelalters, der zur Zeit der Erbauung der Neuwerkkirche gelebt hat, nämlich von 1170 bis 1230, war Walther von der Vogelweide .
Seine Gedichte, Lieder und „Sprüche“, die sehr lyrisch, sehr politisch, sehr erotisch, sehr philosophisch, sehr spöttisch oder auch sehr bettelnd sein können, erklingen in Neuwerk in der 4. Romanischen Stunde.

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Die "Romanische Stunde" ist inzwischen zu einer stehenden Einrichtung geworden und erfreut sich steigender Beliebtheit. So kamen an dem Abend viele Besucher, die Kirche war bis in die letzen Reihen besetzt.
Das Programm unterschied sich von den Vorgängerabenden dadurch, dass sich die Veranstalter diesem Abend nur mit einer Person auseinandersetzten, mit Walther von der Vogelweide, der zur Zeit der Entstehung der Neuwerkkirche gelebt hatte.
Die Rezitatoren des Abends waren Falco Hausknecht, welcher die Texte in gewohnt ausdrucksstarker althochdeutscher Sprache vortrug und Pfarrer Werner Böse, der den Text, nicht minder wortgewaltig, in einen für den Zuhörer verständlichen Text übertrug. Man hatte zeitweise den Eindruck, dass es sich bei den Rezitationen um einen mittelalterlichen Disput handelte, so ausdruckstark war die Mimik und Kommunikation der beiden Sprecher. Erklärende und verbindende Worte zum Leben von Walther von der Vogelweide wurden wieder von Pfarrer Ulrich Wiesjahn sachkundig vorgetragen.
Es wurden Texte und Lieder rezitiert, bzw. gesungen, die von Lust und Leid und von unerfüllter Liebe handelten. Hier ein Auszug aus den Maien- und Mädchenliedern:
| Rôter munt, wie dû dich swachest! lâ dîn lachen sîn! Scham dich, daz dû mich an lachest nâch dem schaden mîn. Ist daz wol getân? – ôwê sô verlorner stunde, sol von minneclîchem munde solch unminne ergân! |
Roter Mund, wie du dich entstellst! Laß dein spötisches Lachen! Schäm dich, daß du mich auslachst meines Kummers halber. Gehört sich das etwa? Ach vertan ist die Zeit, in der ein liebliche Mund Lieblosigkeit ausdrückt! |
Er schrieb aber auch war auch respektlose Verse, in denen er den Papst wegen des Ablasshandels kritisierte.
Im zweiten Teil des Abends wurde die besinnliche und nachdenkliche Seite des Poesten beleuchtet, dabei wurde auch das wohl berühmteste Gedicht "Ich saz ûf eime steine" vorgetragen.
Die Veranstaltung endete mit einer Betrachtung über die Vergänglichkeit alles Seins mit dem Anfang des Gedichtes "O weh, wohin entschwanden alle meine Jahre". Beim Lesen dieses Textes fällt auf, dass die Verhältnisse, die Walter von der Vogelweide beschreibt, auch aus der heutigen Zeit stammen könnten! Der Abend wurde, wie auch schon bei den vorangegangenen "Romanischen Stunden", vom Goslarer Madrigalkreis sehr stimmungsvoll und virtuos sowohl vokal als auch instrumental begleitet.
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Zur dritten romanischen Nacht trafen sich an diesem Abend in der nur mit Kerzenlicht erleuchteten Neuwerkkirche viele Interessierte, um dem Wiedererwachen der althochdeutschen Sprachen (sächsisch, fränkisch oder bairisch) zuzuhören.
Die Rezitatoren des Abends waren Falco Hausknecht, welcher die Texte in gewohnt ausdrucksstarker althochdeutscher Sprache vortrug und Stefan Roblick, der den Text, nicht minder wortgewaltig, in einen für den Zuhörer verständlichen Text übertrug. Erklärende und verbindende Worte zur Geschichte der damaligen Zeit und die Bedeutung der Sprachentwicklung wurden wieder von Pfarrer Ulrich Wiesjahn sachkundig vorgetragen.
Die passende Musik aus dieser Zeit wurde sehr eindrucksvoll, und der besinnlichen Stimmung des Abends angepasst, vom Goslarer Madrigalkreis dargeboten. Besonders meditativ war ein "Engelsgesang" (eine durchgängig gehaltene Note), der eine Rezitation begleitete und dadurch dem Text eine außergewöhnliche Stärke verlieh.
Hauptperson des Abends war Otfried von Weißenburg, ein Dichter aus der Zeit um 800. Er übersetzte damals schon Die Evangeliumsberichte aus der Bibel ins Althochdeutsche und verfasste ein Evangelienbuch. Sein Ziel war eine verstärkte Verbreitung der Schriften, die zur damaligen Zeit sonst ausschließlich in lateinische Sprache verfaßt waren. Nachfolgend ein Auszug aus der Einleitung des Evangelienbuches mit einem Loblied auf die Franken und ihr Land.
| Iz ist fílu feizit (hárto iz giwéizit) mit mánagfalten éhtin; níst iz bi unsen fréhtin. Ti núzze grébit man ouh thár ér inti kúphar, joh bi thía meina ísine steina; |
Es ist, wie allgemein bekannt, ein ganz besonders fruchtbar Land, reich an manchem Gottessegen, aber nicht unsres Verdienstes wegen. Man gräbt zum Gebrauch und mancherwärts beides, Kupfer und auch Erz und, man staune! obendrein auch sogar noch Eisenstein. |
Die folgende Textpassage stammt aus der Weihnachtsgeschichte.
| Drúhtin queman wólta, tho man alla wórolt zalta, thaz wír sin al glíche gibriefte in hímilriche. Ni wai thó thiu giburt, tho wurti wórolti firwúrt; |
Zur Erde wollte der Herr da kommen, als alle Welt Zählung vorgenommen, au daß wir alle auch würden gleich verzeichnet in sein Himmelreich, Wäre da Christus nicht geboren, so wäre die ganze Welt verloren. |
Beendet wurde dieser wunderbare Abend mit einem Vaterunser in althochdeutscher und einem Segen in lateinischer Sprache.
Fater unser, thû thar bist in himile,
sî giheilagôt thîn namo.
queme thîn rîhhi.
sî thîn uuillo,
sô her in himile ist, sô sî her in erdu.
unsar brôt tagalîhhaz gib uns hiutu,
inti furlâz uns unsara sculdi,
sô uuir furlâzemês unsarên
sculdîgôn,
inti ni gileitêst unsih in costunga,
ûzouh arlôsi
unsih fon ubile.
Beim anschließenden Glas Wein wurde dann wieder "neudeutsch" gesprochen. Viel Lob der Zuhörer war zu hören.

Goslarer Madrigalkreis |
Ulrich Wiesjahn |
Falco Hausknecht und Werner Böse |
Fater unser, thû thar bist in himile, Vaterunser (Vater aus dem Tatian, ostfränkisch, um 825) |